Mutti Merkel

Ich bin etwa 18 Jahre älter, das geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, einen Hahn getötet und mich mit meiner Schwiegerutter 2. Grades angefreundet. Eine wilde Zeit, ganz ganz wild.
Aber Helloo!? Was geht denn gerade in der Welt ab? Ja, ich weiß, Syrien, Krieg, Flüchtlinge. Aber was beschäftigt uns gerade noch, außer syrischer Leute? Eritreer!
Was ist das eigentlich, Eritrea?
Das erste Mal war ich 1991 dort. Die Unabhängigkeit wurde gefeiert. Meine Freunde lieben die Geschichte des Bürgerkrieges. Eritrea existierte als Landstrich, wie die Hohenloher Ebene oder Sibierien. Keine definierten Grenzen, eher kulturell different und durch lokale Eigenheiten besonders. Als mein Vater geboren wurde, stand das Land gemeinsam mit Äthiopien unter Kolonialmacht der Briten, genannt „Britisch Äthiopien“. Ab 1961 wurde Eritrea per UN-Generalversammlung Äthiopien zugesprochen. Das fanden die Eritreer falsch und kämpften fortan gegen ihre geografischen, kulturellen und überhaupt seit jeher Nachbarn. Der Krieg dauerte 30 Jahre. Es formten sich diverse Gegner: allen voran die Eritreische Befreiungsfront, die für die Eritreische Souveränität kämpfte.
Nach inneren Streitigkeiten, wie sollte es in einem 30 Jahre währenden Krieg auch anders sein, kristallisierte sich die Befreiungsfront Eritreas heraus. „Echt?“, sagen meine Freunde. „So wie bei ‚The Life of Brian‘?“. Ja, genau so.
Das Land Eritreabesiegte Äthiopien und erlangte 1991 seine offizielle UNabhängigkeit.
Die Jahre verstrichen, mir wurde gesagt, der Präsident habe versagt und alles mündete in der Diktatur, die sie heute ist.

Sofie darf nur ausreisen, wenn sie es geschafft hat 34 Jahre alt zu werden, bis dahin verheiratet ist, mindestens ein Kind geboren und ihren Wehrdienst abgeleistet hat. Als ich dort war und mein Vater mich übers Land fuhr, rollten LKW mit offener Tragfläche durch die Dörfer, Pick-Ups. Sie sammelten Kinder ein; alles, was alt genug erschien um eine AK zu tragen. Ein LKW voller 12, 13, 14-Jähriger. Aber klar, es waren auch volljährige dabei, 17, 18, 19, 20 Jahre alt. Sie werden in den Sommerferien abgeholt, um ihren Wehrdienst zu leisten. Ofiziell 18 Monate, schlimm genug in einem der ärmsten Länder der Welt. Mein Cousin war 17 Jahre beim Militär. Die Wehrpflicht wird willkürlich verlängert. Sogar meinen Vater im Alter von 50 Jahren wollten sie einziehen. Jeder, dem warmes Blut durch den Körper strömt, ist im Stande gegen den Feind zu kämpfen, verstehst du?

In den Nachrichten des einzigen Staatssenders sah man die Jungen Menschen „im Sawa“ Gruben graben. Sawa, gesprochen „Sauwa“ ist der Name der Stadt, wohin die „Fighter“zur Ausbildung kommen; dort liegt die Kaserne des Landes. Längst ein geflügeltes Wort. „Wenn du nicht brav bist, schicke ich dich zur Sawa!“ Kinderschreck.

Sie haben in den letzten zwölf Tagen 50 Gruben gegraben, das steht in meinem Tagebuch, das sagte mir das Staatsfernsehen. Wofür? Na, für Schulen, Wasser… sowas eben. Mein Cousin war 17 Jahre in Sawa. Er ist eines Nachts zu Fuß über die Grenze in den Sudan gelaufen, 1995. Wüste, Hitze, nichts. Heute der Südsudan, dann Nord-Sudan, ein paar Monate arbeiten in Khartoum, dann Libyen, ein paar Monate arbeiten, die Familie im Exil kontaktieren, Frankfurt am Main, heute in Deutschland, NRW.
Mein Cousin, ein anderer, fragte mich 2011 wie es in Deutschland um Arbeitsplätze bestellt sei. Ich sagte schlecht. Auch er war „im Sawa“, 4 Jahre lang. Er ist eines Nachts zu Fuß über die Grenze in den Sudan gelaufen. Heute der Südsudan, damals Bürgerkrieg, aber besser als Eritrea, dann Nord-Sudan, ein paar Monate arbeiten in Khartoum, Ticket nach Angola.
Mein Cousin, ein anderer, war „im Sawa“. Er ist eines Nachts zu Fuß über die Grenze in den Sudan gelaufen, 2002. Heute der Südsudan, dann Nord-Sudan, ein paar Monate arbeiten in Khartoum, Ticket nach Dubai. Zwei Jahre arbeiten in Dubai, Europa keine Option, von Dubai nach Qatar, arbeiten. In Qatar gehört, dass Brasilien ein Weg in die USA sei. Von Qatar nach Brasilien, arbeiten, von Brasilien nach Mexiko, Flüchtlingslager, ein Jahr lang. Verwandte im Exil kontaktiert. Heute San Francisco.

Sawa – das Sprungbrett in die Welt.





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